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Musik erfinden mit Smartphones

Forschung im Spannungsfeld von Musik, Didaktik und Technologie

Digitalität und technologische Transformationen fördern und erfordern auch im Bereich des Lernens und Lehrens neue Wege und Inhalte. Mit den beiden Forschungsprojekten „Klang Apps“ und „Musik erfinden mit Smartphones“ widmet sich das Landeszentrum Musik – Design – Performance im Rahmen der Professur für Musikpädagogik und Musikdidaktik im Kontext digitaler Medien relevanten Prozessen und deren Weiterentwicklung im Bereich von Schule, Musikschule und Kulturinstitutionen. Dabei stehen die Erforschung von künstlerischen Prozessen in pädagogischen Institutionen sowie Entwicklungen im Bereich der didaktischen Konzeptionen gleichermaßen im Fokus der Projekte.

Die Ergebnisse dieser „Design Based Research“ Projekte wurden auf nationalen und internationalen musikpädagogischen Fach-Tagungen (beispielsweise in Stuttgart, Fulda, Berlin, Dortmund, Hannover Malmö, Jelgava oder Graz sowie in online-Konferenzen) präsentiert und diskutiert. Darüber hinaus wurden die Ergebnisse (insbesondere des Projektes „Klang Apps“) in Fortbildungskonzeptionen sowie fachpraktischen Publikationen eingebettet und nachhaltig implementiert. Das Forschungsprojekt „Musik erfinden mit Smartphones“ wird im Bereich der Schulklassen zu Beginn der weiterführenden Schulen im Jahr 2021 fortgesetzt.

Kreatives und produktives Gestalten mit Apps in kollaborativen Lernformen in der Schule

Smartphones sind ein fester Bestandteil der alltäglichen Kommunikation. Bezogen auf Musik werden diese digitale Dinge vor allem zum Musikhören und weniger als Musikinstrumente verwendet. Das Forschungsprojekt „Musik erfinden mit Smartphones“ konzentriert sich auf kollaborative Phasen des Musizierens und Erfindens von Musik mit Smartphones im Musikunterricht der Sekundarstufe. Die Unterrichtsexperimente fanden in verschiedenen Schulklassen in Kooperationen mit Schulen in Baden-Württemberg statt. Die Lernenden musizierten mit Smartphones mit vorgegebenen musikalischen Techniken und der Fokus lag weniger auf den musikalischen Produkten, als vielmehr auf den ästhetischen Prozessen des Musik erfindens. Die vorgegebene musikalische Technik konzentriert sich auf synthetische Klänge, die durch emulierte Synthesizer mittels Apps auf mobilen Endgeräten mit einem Touchscreen und somit „live“ erzeugt werden.

Forschungsstand und theoretische Rahmung

Smartphones und Apps wird gerne die Rolle zugeschrieben, besonders die Kreativität und Motivation der Schüler zu fördern. Diverse Forschungsprojekte und Praxisberichte zeigen, dass dies nur eingeschränkt zutrifft und die Verwendung digitaler Technologien in Lernprozessen erfolgreich sein kann, aber von vielen Faktoren abhängt. Jugendliche haben mehrheitlich eine kritisch-reflexive Haltung zu Smartphones im Unterricht und den Wunsch, dass sich der Einsatz digitaler Medien auf einzelne Lernphasen beschränkt. Gleichzeitig zeigen die Forschungsergebnisse, dass sich musikalische Aktivitäten der Jugendlichen mit digitalen Medien fast ausschließlich auf die Rezeption und Konsumption beziehen.

Das musikdidaktische Forschungsprojekt „Musik erfinden mit Smartphones“ im Format der fachdidaktischen Entwicklungsforschung (Design Based Research) im  Landeszentrum MUSIK–DESIGN–PERFORMANCE an der Staatlichen Hochschule für Musik Trossingen fokussiert den Umgang mit interaktiven Medien und materiellen Dingen im Rahmen soziologischer Handlungs- und Praxistheorien.

Erkenntnisinteresse und musikpädagogische Fragestellungen

Wie können Aufgaben und Lernumgebungen in Praxisphasen im Musikunterricht gestaltet werden, damit sich interaktive Aushandlungsprozesse ereignen können und Jugendliche mit ihren Smartphones künstlerisch tätig werden. Ziel dieser interaktiven Aushandlungen sind die Bildung ästhetisch erfahrenender Haltungen in bzw. gegenüber digitalen Klangwelten, indem sie diese selbst gestalten und Klänge erfinden. Welche Faktoren motivieren oder hemmen die Schüler Smartphones als Instrumente zum Musizieren und zum Musik erfinden zu nutzen?

Den Ausgangspunkt bildet ein produktionsdidaktischer Ansatz, der mit vorgegebenen musikalischen Techniken weniger die musikalischen Produkte, als vielmehr die ästhetischen Prozesse des „Musik erfinden“ in den Blick nimmt (Wallbaum 2009, S. 37), um die Musik-Ding-Mensch-Interaktionen in der Nahperspektive auf musikalische Erfahrungs- und Lernprozesse unter dem Fokus der Verwendung von Musik-Apps auf Smartphones im Musikunterricht für kreative und produktive ästhetische Gestaltungsprozesse zu untersuchen und weiterentwickeln.

Methodische Zugänge

Im Rahmen des Design Research Projekts „Musik erfinden mit Smartphones: Kreatives und produktives Gestalten mit Apps in kollaborativen Lernformen in der Schule“ werden auf der Ebene der didaktischen Entwicklungsprodukte Lernumgebungen mit mobilen digitalen Endgeräten im Musikunterricht der Sekundarstufe herausgearbeitet. Auf der Forschungsebene werden die Dimensionen des Konzepts der psychologischen Grundbedürfnisse der "Selbstbestimmungstheorie der Motivation" und deren Einfluss auf die musikalischen Gestaltungsprozesse untersucht.

Um einen fokussierten Zugang zu den (aus-)Handlungs- und Denkprozessen der Lernenden zu bekommen, werden Videoaufzeichnungen und Stimulated-Recall-Interview ausgewertet. Als Stimulus dienen die Selbsteinschätzungen der Dimensionen des Konzepts der psychologischen Grundbedürfnisse (erlebte Autonomie, erlebte Kompetenz und erlebte sozialen Eingebundenheit). Die Schüler nutzen im Klassenraum ihre eigenen mobilen Endgeräten (BYOD) und gestalten eine Verklanglichung (Musik erfinden) mit Live-Synthesizern.

Auswertung und Ergebnisse

Der iterative Forschungsprozess hat zwei Mesozyklen durchlaufen, in denen Schulklassen der Sekundarstufe (Klasse 8 bis 11) einbezogen wurden. Die Videos über die Gruppenarbeitsphase, die Selbsteinschätzungen der Schülerinnen und Schüler, die Berichte über die Unterrichtsbeobachtung sowie Interviews mit einzelnen Gruppen wurden mit Verfahren der qualitativen Forschung ausgewertet. Es zeigte sich in den verschiedenen Unterrichtsexperimenten, dass kleine Veränderungen wie zum Beispiel die Wahl des Adapters, um den Klang auf mehrere Kopfhörer zu übertragen oder die Wahl des Kopfhörer einen erheblichen Einfluss auf alle drei Bereiche der psychologischen Grundbedürfnisse und damit auf die Voraussetzung für ästhetische Erfahrungsräume haben.

Auf der Ebene der didaktischen Entwicklung zielt der Entwicklungsprozess auf Entwicklungsprodukte in Form von konkreten Lehr-Lernarrangements, Designprinzipien zur Unterrichtsgestaltung, sowie einer Strukturierung und Spezifizierung des Lerngegenstandes. Auf dieser Ebene sind bereits erste Ergebnisse aus diesem Projekt öffentlich.

Nach den ersten Forschungszyklen der letzten beiden Jahre sind vorläufige lokale Theorien entstanden, welche motivationalen Aspekte in den Musik-Ding-Mensch-Interaktionen in musikalischen Erfahrungs- und Lernprozessen unter dem Fokus der Verwendung von Musik-Apps auf Smartphones im Musikunterricht für kreative und produktive ästhetische Gestaltungsprozesse in der Sekundarstufe bedeutsam sind und wie musikalische Erfahrungs- und Lernprozesse gestaltet werden können, um ästhetische Erfahrungsräume für das Musik erfinden mit Smartphones zu ermöglichen.

Projektleitung

Kontakt

Prof. Dr. Philipp Ahner
Telefon 07425 9491-96
E-Mail philipp.ahner(at)mh-trossingen.de

Publikationen im Kontext des Projekts "Musik erfinden mit Smartphones"

  • Ahner, Philipp (2020): Learning Environments and Learning Tasks with Synthesiser Apps in Secondary Schools. A Design Research Project. In: Anna Houmann und Eva Saether (Hg.): Make Music Matter Music Education Meeting the Needs of Young Learners. Innsbruck, Esslingen, Bern-Belp: Helbling (European Perspectives on Music Education 9), S. 225–240.
  • Ahner, Philipp (2019): Individuelle Förderung, Dinge und Digitalisierung. Adaptivität und Passung in musikbezogenen Lernprozessen mit digitalen Dingen oder Herausforderungen der individuellen Förderung in Musik-Ding-Mensch-Interaktionen mit Smartphones und Tablets im Musikunterricht. Diskussion Musikpädagogik (82/19), 10–17.
  • Ahner, Philipp (2018): Mediatisierung, Lebenswelt und Musikunterricht. In: Koch, J.-P.; Rora, C; Schilling-Sandvoss, K. (Hrsg.): Musikkulturen und Lebenswelt (= Musikpädagogik im Diskurs, Band 3, Hrsg. Gesellschaft für Musikpädagogik). Aachen: Shaker Verlag. S. 293–310.

Weitere Publikationen

  • Ahner, Philipp (2019): E-Learning. musikschule )) DIREKT. In: Üben & Musizieren. H. 01/19. S. 6-9.
  • Ahner, Philipp (2018): Im Zusammenspiel der Dinge. Musik(-Lernen) und Digitalisierung als iterativer Prozess. In: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte, Heft 4/2018 (Jubiläumsheft zum Thema „Digitalisierung in der Geisteswissenschaft“), S. 371-388. Online verfügbar unter: https://brill.com/abstract/journals/zrgg/70/04/article-p371_6.xml
  • Ahner, Philipp (2018): Gegenwart gestalten im digitalen Puls. Der Einfluss neuer Medien auf den Musikunterricht. In: nmz – neue musikzeitung, Ausagabe 10/18. Online verfügbar unter: https://www.nmz.de/artikel/gegenwart-gestalten-im-digitalen-puls
  • Ahner, Philipp (2018): Blended Learning. musikschule )) DIREKT. In: Üben&Musizieren. H. 04/18. S. 6-9. Online verfügbar unter: https://uebenundmusizieren.de/artikel/blended-learning/
  • Ahner, Philipp (2017): Musiklehrerausbildung in der digitalen Gesellschaft: Dossier Nr. 6. Kulturelle Bildung digital - Vermittlungsformen, ästhetische Praxis und Aus- und Weiterbildung. Online verfügbar unter: https://www.kultur-bildet.de/sites/default/files/mediapool/dossier/pdf/philipp_ahner_musiklehrerausbildung_in_der_digitalen_gesellschaft_0.pdf