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Dissertation Julia Wernicke

‚Theater mit Musik – Inklusion im künstlerisch-pädagogischen Kontext‘
an der MH Trossingen – eine qualitative Studie.

Einblicke in die Forschungsarbeit.
Artikel erschienen in der Hochschulzeitung Plateau Sommer 2019 (ohne Literaturhinweise)

von Julia Wernicke

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    Seit 2016 wird an der Musikhochschule Trossingen das Seminar „Theater mit Musik – Inklusion im künstlerisch-pädagogischen Kontext“ des Fachbereichs Music & Movement unter der Leitung von Prof. Dr. Dierk Zaiser angeboten. Es besuchen als geistig behindert diagnostizierte Erwachsene aus der näheren Umgebung und Studierende unterschiedlicher Fachrichtungen der Musikhochschule. Einen Gesamtüberblick über "Theater mit Musik" gibt Zaiser (2017).

    Wissenschaftlich begleitet wird die Projektpraxis seit Ende 2017 durch das Promotionsprojekt von Julia Wernicke. In ihrer Studie untersucht sie mit Hilfe qualitativer Forschungsmethoden (s.u.), welche Aspekte die an "Theater mit Musik" teilnehmenden Musikhochschülerinnen und -schüler beschreiben, bzw. welchen Wert sie im Besuch des Seminars sehen.

    Damit nimmt Wernicke einen Perspektivwechsel innerhalb der musikpädagogischen Unterrichtsforschung im Bereich Behinderung/Inklusion vor: Bisherige Forschung fokussiert die von Behinderung oder Ausgrenzung betroffenen Teilnehmenden (z. B. Köllmann 2016; Zaiser 2011; Gehrs 2016) oder Gruppen in ihrer Gesamtheit (z. B. Lehmann-Wermser und Krupp 2014; Heberle und Kranefeld 2014; Busch et al. 2014, Saerberg 2016).

    Die Perspektive von Musikstudierenden ist in der Forschung deutlich unterrepräsentiert (vgl. Lutz 2016). Im Kontext musikpädagogischer Unterrichtsforschung von mixed-abled (fähigkeitsgemischten) Gruppen ist sie nahezu unerforscht und findet sich bisher nur in drei Aufsätzen: Sie wird im Rahmen eines Beispiels zu inklusiven universitären Möglichkeitsräumen (Kuhnke et al. 2016, S. 248), oder als Nebenaspekt bei der Entwicklung eines bewegungsbasierten diagnostischen Instruments benannt (Gehrs 2016, S. 180). Eine Ausnahme bildet der von Holzer (2018) veröffentlichte Evaluationsbericht über das österreichische Projekt „Let’s Dance Together! Students and Children in a Mixed-abled Project“ über ein Tanzprojekt von Grundschülern „with special needs“ und Studierenden der pädagogischen Hochschule Steiermark. Der Einfluss der Teilnahme am Tanzprojekt auf die studentischen Fähigkeiten zur Interaktion und Kommunikation mit Kindern und Jugendlichen mit besonderen Bedürfnissen (ebd., 223 f.), wurde durch Inhaltsanalyse der schriftlichen und mündlichen studentischen Aussagen ermittelt (ebd., 238 f.). Die daraus resultierenden fünf Oberkategorien mit jeweils zwei bis vier Subkategorien werden ohne weiterführende Angaben, gemeint sind damit z. B. Häufigkeiten der Aussagen, Beispiele aus den Dokumentationen usw., genannt (vgl. ebd., 238 f.). Holzers Bericht kann zwar als die bislang ausführlichste Darstellung bezogen auf den für Wernickes relevanten Forschungskontext benannt werden, ihre Darstellung geht jedoch nicht weit genug.

    Mit Wernickes Projekt wird erstmalig die studentische Perspektive auf die Teilnahme bei einem mixed-abled Seminar in einer nicht-evaluativen Forschung untersucht und eine ausführliche Ergebnisdarstellung vorgenommen. Zunächst wird die Forschung auf theoretische Grundlagen gestellt und anschließend die von den Studierenden nach dem einsemestrigen Besuch des Seminars "Theater mit Musik" benannten Aspekte kategorisiert beschrieben. Damit bildet die Arbeit einen wichtigen Beitrag zum musikpädagogischen Diskurs und eröffnet Anknüpfungspunkte für zukünftige Forschungsvorhaben in dem Bereich.

    Um die Perspektive der Studierenden zu erfassen, wurden Interviews geführt und die Seminarsitzungen über den Zeitraum eines Semesters auf Video aufgezeichnet. Beide Methoden sind typisch für qualitative Forschungsdesigns. Dieses bietet sich bei der Forschungsfrage an, da es interaktiv hergestellte soziale Wirklichkeiten zu deuten versucht (vgl. Kruse et al. 2015, Kapitel 1). Anders als in einer quantitativen Forschung ist es damit möglich, die sozialen Prozesse im Lehr-Lern-Kontext des Seminars zu rekonstruieren, anstatt ein themenrelevantes Konzept statistisch zu überprüfen. Neben den Interview- und Videodaten können je nach Bedarf auch relevante Stellen aus den Verlaufsprotokollen des jeweils im Anschluss an die 90-minütige Praxisphase erfolgten halbstündigen Reflexionsgesprächs, oder aus den zu Beginn und Ende des Semesters verteilten Fragebögen, heran gezogen werden. Ein Überblick über alle vorliegenden Daten ist in der Abbildung dargestellt. Interaktionen während des zwischen den Seminarphasen stattfindenden Raumwechsels wurden nicht explizit erfasst, werden jedoch in Interviews benannt.

    Derzeit befindet sich die Forscherin in der Auswertungsphase und fasst die von den Studierenden benannten Aspekte durch qualitative Inhaltsanalyse (Mayring 2015) zu Kategorien zusammen. Dafür werden alle Interviews systematisch bearbeitet, darin benannte Aspekte gesammelt und Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede zwischen den Interviews ermittelt. Videodaten und Interviews werden trianguliert (Flick 2011), d. h. miteinander kombiniert. In den Videos wird also geschaut, ob sich die von den Studierenden beschriebenen Aspekte wiederfinden, ob es Widersprüche gibt, oder ob sich weitere Aspekte erkennen lassen.

    Interessant ist, dass sich alle bisher ermittelten Kategorien entweder auf die eigene Person oder auf die nicht-studentischen, also die als behindert diagnostizierten Teilnehmenden, beziehen. Kategorien, die sich auf Kommilitonen im Seminar beziehen, konnten bislang nicht aufgestellt werden.

    Erste Ergebnisse lassen die Kategorie „ künstlerische (Weiter-) Entwicklung“ bezogen auf die eigene Person erkennen. Benannt wird die veränderte Qualität des eigenen künstlerischen Ausdrucks. Eine Interviewpartnerin beschreibt dies aufgrund einer Art Freiheitsgefühl, indem sie sich von subjektiv gesetzten Erwartungshaltungen löst. Als Begründung für dieses Erleben benennt sie, dass die nicht-studentischen Männer und Frauen „[…] nicht so sehr sich selbst kontrollieren und sich selber […] so pushen, sondern weil sie sich selber irgendwie auf eine ganz andere Art annehmen, hab ich das Gefühl, und […] dann halt so sind.“ Das stehe im Kontrast zu anderen Seminaren im Studienverlauf. Hier sei überwiegend der Fokus auf das Ergebnis handlungsleitend.

    Ein gesteigerter künstlerischer Ausdruck der Interviewpartnerin ist aufgrund mangelnder Vergleichsmöglichkeiten und der stark subjektiven Färbung ästhetischer Qualitätsempfindungen für die Forscherin nicht objektiv zu beobachten. Der weniger starke Leistungsdruck der Teilnehmenden mit Behinderung, das „so sein“ im künstlerischen Ausdruck, lässt sich jedoch aus Seminarsituationen erschließen.

    Zur Veranschaulichung wird folgende Szene der aus Datenschutzgründen veränderten Abbildung beschrieben: In einer Sitzung wurde in Partnerarbeit zu den Tönen einer Wah-wah-Röhre improvisiert. Einer der Partner spielt das Instrument, der andere bewegt sich zu den hörbaren Klängen. Zwei als behindert diagnostizierte Personen übernehmen diese Aufgabe in einer Dreiergruppe und improvisieren einander zugewandt überwiegend mit den Armen. Bei einem anderen Teilnehmer sind kampfsportartige Bewegungen erkennbar. Der Beweger eines weiteren Paares hüpft mit kleinen Sprüngen, fast nur als Federungen erkennbar, am Platz. Alle vier strahlen Präsenz aus, die sich mit der Hingabe zur Musik und ihrer Bewegung im „Jetzt“ und nicht im Hinblick auf eine Leistung oder ein Ziel erklären lässt.

    Bei einer derartigen Aufgabenstellung steht der musizierende Partner mit dem sich bewegenden im ständigen (Blick-) Kontakt. Eine Teilnehmerin tut dies nicht. Vielmehr ist sie in ihr Instrument vertieft, spielt sehr zart, probiert unterschiedliche Tempi. Ab und zu schaut sie sich um und lächelt. Auch hier wird deutlich, dass es der Musikerin weniger um das Erfüllen einer Anforderung geht; sie zwingt sich nicht, sich auf die Partnerin zu konzentrieren. Vielmehr steht für sie das Erleben des Instruments im Vordergrund, was sich in ihrem musikalischen Ausdruck widerspiegelt. (wenn nötig hier Foto einfügen.)

    Inwieweit sich das von der Interviewpartnerin benannte Freiheitsgefühl auch bei anderen Interviewten findet, kann zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesagt werden. Die Veränderung des eigenen künstlerischen Ausdrucks wird jedoch auch von Anderen benannt.

    Auch wenn bereits weitere Erkenntnisse vorliegen, soll dieses Beispiel genügen, um einen Eindruck in die zu erwartenden Ergebnisse des Promotionsprojekts zu bekommen. Die Auswertung der Studie ist noch nicht abgeschlossen.

    Betreut wird die Arbeit durch Prof. Dr. Alexander Cvetko (Universität Bremen) und Prof. Dr. Christina Zenk (Staatliche Hochschule für Musik Trossingen). Zwischen 2016 und Februar 2019 wurden Projekt und Stipendium über die Aktion Mensch e.V. gefördert.

    Julia Wernicke, B. A. Gebärdensprachen und Dipl. Rhythmik. Promovendin an der Musikhochschule Trossingen, bis Anfang 2019 Stipendiatin der Aktion Mensch e.V. Mehrjährige Erfahrung in der Arbeit mit als behindert diagnostizierten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, Schwerpunkt Hörschädigung. Sie gibt Fortbildungen und Rhythmikangebote für unterschiedliche Zielgruppen. Als Choreografin übersetzt sie klassische Instrumental- und Vokalmusik in Deutsche Gebärdensprache.

      Literaturverzeichnis

      Literaturverzeichnis

      • Busch, Thomas; Kranefeld, Ulrike; Koal, Svenja (2014): Klasseneffekte oder individuelle Einflussgrößen. Was bestimmt die Teilnahme am Instrumentallernen im Grundschulalter? In: Bernd Clausen (Hg.): Teilhabe und Gerechtigkeit. Participation and equity. Münster, New York: Waxmann (Musikpädagogische Forschung, Band 35), S. 57–76.
      • Flick, Uwe (2011): Triangulation. Wiesbaden: Springer Fachmedien (Qualitative Sozialforschung).
      • Gehrs, Vera (2016): Persönlichkeit in Bewegung. Konzeption und Anwendung eines musik- und bewegungsorientierten diagnostischen Instruments für die Grundschule. Osnabrück: Electronic Publishing (epos Music, Band 2).
      • Heberle, Kerstin; Kranefeld, Ulrike (2014): Zur Konstruktion von Leistungsdifferenz im instrumentalen Gruppenunterricht. Theoretische Perspektiven und forschungspraktische Überlegungen. In: Bernd Clausen (Hg.): Teilhabe und Gerechtigkeit. Participation and equity. Münster, New York: Waxmann (Musikpädagogische Forschung, Band 35), S. 41–56.
      • Holzer, Angelika (2018): Let’s Dance Together! Students and Children in a Mixed-abled Project. In: Torgeir Haugen und Kjell Ivar Skjerdingstad (Hg.): Children and young people, aesthetics and special needs. An interdisciplinary approach: Vidarforlaget, S. 223–240.
      • Köllmann, Elke (2016): Gemeinsam zur Musik. Dissertation. Leibniz Universität Hannover; Shaker Verlag GmbH.
      • Kruse, Jan; Schmieder, Christian; Weber, Kristina Maria; Dresing, Thorsten; Pehl, Thorsten (2015): Qualitative Interviewforschung. Ein integrativer Ansatz. 2., überarbeitete und ergänzte Auflage. Weinheim, Basel: Beltz Juventa (Grundlagentexte Methoden).
      • Kuhnke, Yvonne; Diehl, Lis Marie; York, Jan (2016): Mehr DOMOkratie wagen. Chancen inklusionssensibler Lernformate. In: Clemens Dannenbeck, Carmen Dorrance, Anna Moldenhauer, Andreas Oehme und Adrea Plate (Hg.): Inklusionssensible Hochschule. Grundlagen, Ansätze und Konzepte für Hochschuldidaktik und Organisationsentwicklung, S. 237–252.
      • Lehmann-Wermser, Andreas; Krupp, Valerie (2014): Musikalisches Involviertsein als Modell kultureller Teilhabe und Teilnahme. In: Bernd Clausen (Hg.): Teilhabe und Gerechtigkeit. Participation and equity. Münster, New York: Waxmann (Musikpädagogische Forschung, Band 35), S. 21–39.
      • Lutz, Julia (2016): Vernetzt und lebenslang lernen und lehren: Lehrerbildung für den Musikunterricht an Grundschulen am Beispiel eines phasenübergreifenden Ansatzes. In: Jens Knigge und Anne Niessen (Hg.): Musikpädagogik und Erziehungswissenschaft. Music education and educational science. Münster, New York: Waxmann (Musikpädagogische Forschung, Band 37), 89-106.
      • Mayring, Philipp (2015): Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. 12., überarb. Aufl. Weinheim: Beltz (Beltz Pädagogik).
      • Saerberg, Siegfried H. X. (2016): Inklusion ist ein Thema in unserem Leben. Praxisorientierte Evaluationsstudie zu dem inklusiven Kulturprojekt "Inklu:City". Remscheid: ibk.
      • Zaiser, Dierk (2011): Rhythmus und Performance. Kulturprojekte als Chance für sozial benachteiligte und straffällige Jugendliche. München: kopaed.
      • Zaiser, Dierk (2017): Rhythmik und Inklusion - Förderung eines Lehrforschungsprojekts. In: Rhythmik. Musik und Bewegungspädagogik (53), S. 16–18.