Zum Inhalt springen
Zur nächsten Sektion springenZurück zur Übersicht
  • Mi. | 10. 08. 2022

Langjähriger Hochschulratsvorsitzender Prof. Dr. Michael Ungethüm gestorben

Mehr als zwölf Jahre hatte Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Michael Ungethüm das Amt des Vorsitzenden des Hochschulrats der Staatlichen Hochschule für Musik Trossingen inne. Als Würdigung seiner Verdienste für die Hochschule wurde er zum Ehrensenator ernannt. Jetzt ist er im Alter von 78 Jahren gestorben.

Zwischen 2000 und 2013, mehr als zwölf Jahre also, engagierte sich Prof. Dr. med. habil. Dr.-Ing. Dr. med. h.c. Michael Ungethüm auch als Vorsitzender des Hochschulrates der Staatlichen Hochschule für Musik Trossingen und begleitete und förderte intensiv die strategische Weiterentwicklung der Hochschule und ihre Profilbildung. Am 30. Oktober 2013 - also zu Beginn der Strukturdebatte und dem damit verbundenen Ringen der HfM Trossingen - hatte er sich mit einem Resümee seiner Arbeit verabschiedet, aus dem hier zitiert sei:

„Verehrte Damen, meine Herren,
... äußern will ich mich nur zu zwei Problemkreisen; zur Bedeutung des Musikhochschulwesens im System tertiärer Bildungseinrichtungen – und besonders zu meinem Verständnis von Hochschulräten als Aufsichts- und Beratungsinstanzen.

Die Länder haben vor mehr als zwölf Jahren an allen Hochschultypen, also an Universitäten, Pädagogischen Hochschulen, Fach-, Kunst- und Musikhochschulen, Hochschulräte eingesetzt, die vom gesetzlichen Auftrag her gleich Aufsichtsräten in Unternehmen, die Struktur- und Entwicklungspläne, die Haushalts- und Wirtschaftspläne festlegen und die Wahl, Bestellung und Kontrolle der Vorstände der Hochschulen wahrnehmen sollten. Dieses Leitbild einer unternehmerisch geführten Hochschule, vom damaligen Wissenschaftsminister Frankenberg emphatisch beschworen, sollte eine neue, innovative Beteiligungskultur schaffen und dem Wettbewerbsgedanken im vermeintlichen Elfenbeinturm des Hochschulwesens mehr Raum geben, Verkrustungen aufsprengen, ökonomischer Effizienz den Boden bereiten, für evaluierbare Qualität in Forschung und Lehre und vor allem im Berufungs- und Besoldungswesen sorgen.

Um es gleich und unmissverständlich zu sagen: Die blanke Gleichsetzung von Hochschulen mit Unternehmen ist wenig fruchtbar; denn Forschung, Lehre, wie Bildung überhaupt, brauchen Freiräume, den langen Atem der Beteiligten, das Recht auf Experimente mit ungewissem Ausgang, Toleranz für die Eigenart des und der Kreativen.

Doch die Zumutungen, die allein schon in Bezeichnungen wie Vorstand statt Rektorat oder im Begriff „Aufsichtsrat“ statt Hochschulrat offenbar wurden, sind in der Praxis nicht übernommen, abgelehnt und von den Beteiligten hartnäckig und erfolgreich abgewiesen worden. Die zur parlamentarischen Beratung anstehende Dritte Novelle zum Hochschulgesetz nimmt deswegen Distanz zum Leitbild der unternehmerischen Hochschule, bewahrt jedoch den von Anfang an fruchtbaren Kern einer offenen Beratungs- und Beteiligungskultur, die Sachverstand, Transparenz und demokratische Mitwirkung zusammen verbindet – intra et extra muros. Denn Hochschulen brauchen Freiheit im Inneren wie Offenheit und Kommunikationskompetenz nach Außen. Und – wie die gegenwärtige Situation zeigt – den Schutz, die Begleitung und den kritischen Dialog mit einer interessierten, mündigen Bürgerschaft.

Hochschulen sind mit tief wurzelnden, langsam wachsenden, hartholz-produzierenden Baumriesen vergleichbar, denen man mit Versetzungsversuchen, dem rabiaten Kappen von Stammholz, Kronen und Ästen unwiederbringlichen Schaden zufügt und den Tod auf Raten beschert.

Hochschulpolitik ist wie die Forstwirtschaft ein nachhaltiges Geschäft, muss über die Generationen hinweg geplant werden, darf nicht als Spielball im kurzen Wechsel der Legislaturen den Wetterfahnen der Parteipolitik ausgeliefert werden.

Ich habe mit großer Genugtuung den klaren, festen Willen der Menschen in dieser Region aus allen Schichten wahrgenommen: Wir lassen die über viele Jahrzehnte gewachsene Hochschule in Trossingen, die über ein hohes Ansehen im In- und Ausland verfügt, weder halbieren noch kaputtmachen. Deswegen: Wehret den Anfängen!

Ich komme zum zweiten Fragenkreis und halte zunächst als meine Trossinger Grunderfahrungen in zwei Hochschulratsperioden – sechs Jahre mit Rektor Jürgen Weimer, sechs Jahre mit Rektorin Elisabeth Gutjahr – fest: Trossingen war als Standort abseits der urbanen Zentren und der Universitätsstädte seit eh und je in prekärer Situation.

Die Kundigen erinnern sich an den Abwehrkampf gegen den sogenannten Saulgauer Beschluss des Baden-Württembergischen Ministerates im Oktober 1996, der verheerende Folgen für Trossingen gebracht hätte. Jürgen Weimer hat damals in einem Brief an die Abgeordneten formuliert, die hiesige Hochschule sei qualitativ den übrigen Musikhochschulen vergleichbar, sei allerdings im Gegensatz zu den meisten anderen nicht ersetzbar. Denn sie sei als einzige universitäre Einrichtung der Region Antwort auf die kulturellen, insbesondere die musikpädagogischen Bedürfnisse des südöstlichen Baden-Württemberg.

Seine durchschlagende Argumentation und die strategische Allianz mit vielen einflussreichen Gruppierungen, gerade auch des vorpolitischen Raumes, haben verhindert, dass er den von den anderen Rektoren ihm – so seine Ausdrucksweise – dargebotene Schierlingsbecher eben nicht austrinken musste.

Es ist die feste Verwurzelung der hiesigen Hochschule in der gesamten Region, die mir Zuversicht gibt, dass auch der neue Hochschulrat für die strategische Ausrichtung einer Vollhochschule für Musik Schirm und Schutz zu bieten vermag. Dies war immer auch mein Ziel als Hochschulratsvorsitzender. Als Unternehmer, Ingenieurwissenschaftler und habilitiertes Mitglied in der medizinischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München stand ich nie in Gefahr, mich nur für eigene schöngeistige, musikkulturelle Privatinteressen in die Schanze zu schlagen. Natürlich kenne ich die tiefsitzende, unausrottbare Arroganz, mit der manche Akademiker nach einem launigen Wort von Theodor Heuss den Bildungskanon der gelehrten Studien kennzeichnen. So habe es im traditionellen Verständnis vier kategoriale Richtungen von Bildungsangeboten gegeben:

  • die klassischen humaniora; also alte und neue Sprachen, Geschichte, Literatur und Religion;
  • sodann die formalia oder logica. Das sind abstrakte Regelsysteme in Mathematik, Grammatik, Grundlagen der Naturwissenschaften usf.;
  • drittens die realia: angewandte Naturwissenschaften, die Kunde vom Leben, von den physischen Gegebenheiten der Erde etc.;
  • schließlich als fröhlicher Zeitvertreib und Gänseliesel der Bildung, da weitgehend vom Leistungszwang befreit, die vierte Fächergruppe der aesthetica mit Leibesübungen, Musik, Gesang, Zeichnen und bildnerischen Übungen, die Theodor Heuss erinnerungsselig als Allotria zusammenfasst.

Im Ganzen also ein Gliederungsschema für den Bildungskanon, das uns alle schmunzeln lässt, doch eine gefährliche Untiefe birgt. Sie wissen: Aliquid haeret! Es bleibt auch von dem, was noch so gut und heiter gemeint ist, immer etwas im Unterbewusstsein hängen, ob bei den fleißigen Rechnern in der Wirtschaft, bei Behörden, in den Parteien, im Rechnungshof – besonders hier im Schwäbischen.

Und ich kenne kaum ein missverständlicheres Wort als das von den sanften Faktoren in einer Wirtschaftsregion, zu denen man Kunst, Kultur, Freizeitwert von Natur und  Landschaft rechnet.

Gerade als Vertreter der Wirtschaft und der industrienahen Forschung möchte ich Ihnen sagen: Die verschiedenen Lebensbereiche der Arbeit, Wissenschaft, Kunst, Kultur und Religion sind untrennbar miteinander verflochten. In ihnen verläuft die Blutbahn unserer Kulturnation, liegen die nicht gegeneinander abgrenzbaren Fundamente einer auf Wissen, Innovationskraft, spezifischem Berufskönnen und allgemeiner Mündigkeit aufbauenden Bürgergesellschaft verborgen.

Und dass Trossingen ein solches Fundament für die kreative, künstlerische Entfaltung von Menschen bauen konnte, war mir in meiner langen Tätigkeit im hiesigen Hochschulrat wichtig und wertvoll. Trotz Wind und Wetter sind die Gleise für die glückliche Zukunft gelegt. In drei Jahren kommt wieder eine andere Regierung. Mir ist um die hiesige Hochschule für Musik nicht bange. Für den Trossinger Herbst gilt wie anderwärts auch: Der Drachen steigt erst richtig im Gegenwind. Und so wünsche ich Ihnen allen für die Zukunft Entschlossenheit, Phantasie und Zuversicht.“


Vita 

1943 in München geboren war Ungethüm seit 1996 stellvertretender Vorsitzender der Vorstands der B. Braun Melsungen AG und seit 1977 Vorsitzender der Geschäftsleitung der Aesculap AG & Co. KG. Zahlreiche Mandate in Bereichen der Wirtschaft, Forschung, Kunst und Kultur. Unter anderem war  er Mitglied des Vorstands des Verbandes der Metall- und Elektroindustrie Baden-Württemberg e. V.; 1993 -1998 Präsident der Industrie- und Handelskammer Schwarzwald-Baar-Heuberg; 1988 Wirtschaftsmedaille des Landes Baden-Württemberg; 1991 Ehrensenatorwürde der Universität Ulm; 1992 Bundesverdienstkreuz am Bande; 2000 medizinische Ehrendoktorwürde Fachbereich Humanmedizin Freie Universität Berlin; 2002 Bundesverdienstkreuz 1. Klasse; 2004 Werner-Körte Medaille in Gold der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie; 2004 Ehrensenatorwürde der Universität Freiburg; 2006 Ehrenmitgliedschaft Berliner Medizinische Gesellschaft; 2007 Goldene Ehrennadel der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie.