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Sound for Democracy

Demokratie hören, Gesellschaft entwerfen: Die politische Dimension von Klang und Musik.

Kann man Demokratie hören? Kann man Demokratie mit Klängen gestalten und erfahrbar machen? Dies waren die herausfordernden Ausgangsfragen, die sich uns für die World Design Capital 2026 in Frankfurt RheinMain stellten: Wie lässt sich diese so bedeutsame, und dann doch wieder abstrakte, gleichzeitig intensiv diskutierte „Demokratie“ klanglich fassen? Geht das überhaupt?

Unser Projekt „Sound for Democracy“ zum World Design Capital 2026 Frankfurt RheinMain 
Betreuung: Prof. Florian Käppler & Prof. Dr. Christina Zenk
Beteiligte Studierende: Otto Ballnath, John Bleiker, Matthias Eckhardt, Philipp Kraus, Eilonwy Krieg, Nick Lörcher, Ante Ogrinz, Luis Werkmeister 
Unterstützend wirkten mit: Nuno Luís Amorosi Mangas, Tillmann Duft, Patrick Kuhn Botelho, Meinrad Weiler

Unsere Beiträge zum WDC
Begleitheft zum Projekt

Klar ist: Design ist längst nicht mehr nur eine ästhetische Formgebung von Objekten. Design strukturiert, rahmt, markiert unseren Alltag und unsere sozialen Beziehungen – mehr als uns auffällt, mehr als uns manchmal vielleicht lieb ist. Doch wie verhält es sich mit einer Dimension die unsichtbar, aber körperlich spürbar und zutiefst emotional ist, dem KLANG?

Es war uns ein besonderes Anliegen, gemeinsam mit unseren Studierenden den auditiven Raum als politische Gestaltungsarena zu begreifen. Wir wollten erforschen, wie demokratische Ideen, politische Theorien, Designphilosophie mit Sound und Musik zusammenhängen könnten. Und dabei ist Demokratie selbst kein statischer Zustand, sondern ein permanent umkämpfter „Begriff“, der immer wieder verhandelt werden muss (Marshall, 2014, S. 12–20; Oppelt, 2021, S. 34—36).

Die Leitidee

Demokratie ist auch eine hörbare Praxis! Die Grundüberzeugung, die uns antrieb: junge Gestalterinnen und Gestalter brauchen theoretisches Wissen, aber auch die Erfahrung, gesellschaftliche Aushandlungsprozesse klanglich-sinnlich zu begreifen. Die zentrale Erkenntnis: Wer die Macht über den Sound hat, hat auch Macht über den öffentlichen Raum. Und Klang wie Musik sind dabei nicht zwingend neutral, sondern oft politisch gerahmt (Rösing, 2004; Sterne, 2012).

So erarbeiten wir mit unseren Studierenden, wie sich Hegemonie und Überwachung, aber auch Emanzipation und Freiheit klanglich manifestieren. Wir tauchten ein in den „Sound des Jahrhunderts“ (Paul & Schock, 2013): Musik schreibt Geschichte. Und sie hat eine Kraft, die sozialen Bewegungen Bedeutung verlieh, Bedeutung ausdrückte, Bedeutung verklanglichte, letztlich Gesellschaften transformierte. In unserer Werkstatt diskutierten wir historische Beispiele, die Teil eines deutschen, europäischen wie weltweiten kollektiven Gedächtnisses geworden sind.

Weltweit war die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre eine durch Musik getragene zivile Bewegung. Lieder wie “We shall Overcome” von Joan Baez waren nicht einfach Beiwerk, sondern ein starkes, emotionales Rückgrat des Protests. Sie stifteten Solidarität über Hautfarben hinweg und verliehen einer marginalisierten Gruppe eine unüberhörbare, machtvolle Stimme im Kampf um politische Gleichheit (Biederstädt, 2013). Ein besonderer Bruch in der US-amerikanischen Musikgeschichte ist sicherlich die von Jimi Hendrix mit seiner E-Gitarre zersägte US-Nationalhymne auf dem Woodstock-Festival. Das Musikinstrument als „Befreiungsinstrument“, welches mit bürgerlichen Konventionen bricht und die Dissonanz zum Ausdruck positiver Freiheit kürt (Siegfried, 2013).

Auch in Deutschland erklang gegen Ende der 1960er Jahre der Lärm der Revolte auf der Straße. Der stakkatoartige Sprechchor „Ho Ho Ho Chi Minh!“ der Studentenbewegung 1968 verdichtete den physischen und emotionalen Aufstand gegen die bestehende Ordnung zu einer treibenden, klanglichen Ikone und eroberte den städtischen Klangraum (Fahlenbrach, 2013).

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Unserer historischer Streifzug hörte auch in die DDR hinein: Diktaturen fürchten unkontrollierte Klänge, sie durchbrechen einen staatlich verordneten Klang: Die DDR war über Jahrzehnte ein relativ „stilles Land“, in dem der Staat den akustischen Raum durch strukturierte Inszenierungen – so die Hymne der SED „Die Partei, die Partei, die hat immer recht“ – mediale Kontrolle wie unzählig abgehörte Telefonate dominierte. Dass diese Herrschaft 1989 kollabierte, lag nicht zuletzt an der friedlichen, aber ohrenbetäubenden Stimmgewalt der Massen. Der Sprechchor „Wir sind das Volk!“ brach das staatliche Soundscape auf und war ein Akt radikaler akustischer Selbstermächtigung der Bürgerinnen und Bürger (Doßmann, 2013; Goll, 2013; Paul, 2013).

Für uns sind diese historischen und theoretischen Reflexionen jedoch kein Selbstzweck. Sie flossen unmittelbar in die kreative Arbeit der Studierenden ein. Inspiriert wurden wir dabei von der Designphilosophie von Friedrich von Borries, der gutes Design als „entwerfend“, also emanzipatorisch und Möglichkeitsräume öffnend, beschreibt, im Gegensatz zu einem „unterwerfenden“ Design, das Freiheiten einschränkt und Menschen entmächtigt (Borries, 2021).

Eine wichtige Frage

Für uns als Musik- und Sounddesigner stand während des gesamten Projekts noch eine weitere Frage im Mittelpunkt:

Kann Klang dazu beitragen, die Welt zu verändern?

Wir glauben: Ja.

Denn Gestaltung bedeutet immer, sich die Welt nicht nur so vorzustellen, wie sie ist, sondern auch so, wie sie sein könnte. Design eröffnet Möglichkeitsräume. Es macht Alternativen hörbar, erfahrbar und denkbar. Es schafft neue Perspektiven auf das Zusammenleben von Menschen. Genau deshalb ist Klanggestaltung weit mehr als die Entwicklung ästhetischer Oberflächen. Sie ist eine kulturelle und gesellschaftliche Praxis. Sie ist immer auch Zukunftsentwurf.

Klang gestaltet Atmosphären, Beziehungen und Erfahrungen. Er beeinflusst, wie wir Räume wahrnehmen, wie wir uns begegnen und wie wir Gemeinschaft erleben. Sound kann Menschen verbinden, Zugehörigkeit schaffen, Empathie fördern und neue Sichtweisen eröffnen. Er kann berühren, irritieren und zum Nachdenken anregen.

Unser besonderes Anliegen ist es, junge Menschen darin zu bestärken, an ihre eigene Zukunftswirksamkeit zu glauben. Daran, dass ihre Ideen zählen. Daran, dass Kreativität einen Unterschied machen kann. Und daran, dass sie nicht bloße Beobachter gesellschaftlicher Entwicklungen sind, sondern aktive Mitgestalter ihrer gemeinsamen Zukunft.

Kreativität besitzt dafür eine besondere Kraft. Sie enthält den Mut, Bestehendes zu hinterfragen, die Freiheit, neue Wege zu denken, und die Gewissheit dass sich die Welt verbessern lässt.

Mit „Sound for Democracy“ möchten wir erfahrbar machen, dass auch Klanggestaltung ein Werkzeug gesellschaftlicher Veränderung sein kann.

Wir freuen uns darauf, diese Perspektiven auf Demokratie, Sound und gesellschaftliche Gestaltung mit Euch zu teilen.

Denn die Zukunft ist nichts, das einfach passiert.

Sie wird gestaltet.

Von Menschen.

Von Ideen.

Von Mut.

Und manchmal beginnt Veränderung mit einem einzigen Klang.

Danksagung

Ein besonders herzlicher Dank für diese einmalige Gelegenheit geht an den Ideengeber und Initiator Prof. Roland Lambrette!

Wir danken dem gesamten WDC Team für die tolle Zusammenarbeit und im Besonderen Georg-Christof Betsch, Julia Klass, Jonathan Kuhlmann, Joshua Moos, Corinna Gratzl.

Ein großes Dankeschön an Patrick Kuhn Botelho für die Erstellung unserer Projektwebseite und unserer Social Media Posts.

Und ein großer Dank geht an Nuno Luís Amorosi Mangas, Tillmann Duft, und Meinrad Weiler, die uns aufgrund von kurzfristigen Krankheitsausfällen schnell und wahnsinnig engagiert unterstützt haben!

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Literaturverzeichnis

Biederstädt, W. (2013). WE SHALL OVERCOME Die Lieder der Bürgerrechtsbewegung von Joan Baez und Bob Dylan. In G. Paul & R. Schock (Hrsg.), Sound des Jahrhunderts. Geräusche, Töne, Stimmen 1889 bis heute (S. 450–453). Bundeszentrale für politische Bildung.

Borries, F. von (2021). Weltentwerfen: Eine politische Designtheorie (5. Auflage, Originalausgabe). Suhrkamp.

Doßmann, A. (2013). WIR SIND DAS VOLK! Von der Stimmgewalt im Herbst 1989 – und von Volker. In G. Paul & R. Schock (Hrsg.), Sound des Jahrhunderts. Geräusche, Töne, Stimmen 1889 bis heute (S. 518–523). Bundeszentrale für politische Bildung.

Fahlenbrach, K. (2013). HO HO HO CHI MINH! Die Kampfschreie der Studentenbewegung. In G. Paul & R. Schock (Hrsg.), Sound des Jahrhunderts. Geräusche, Töne, Stimmen 1889 bis heute (S. 472–475). Bundeszentrale für politische Bildung.

Goll, T. (2013). DIE PARTEI, DIE PARTEI HAT IMMER RECHT! Das politische Lied in der DDR. In G. Paul & R. Schock (Hrsg.), Sound des Jahrhunderts. Geräusche, Töne, Stimmen 1889 bis heute (S. 358–363). Bundeszentrale für politische Bildung.

Marschall, S. (2014). Demokratie. Verlag Barbara Budrich. Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung.

Oppelt, M. (2021). Demokratie? Frag doch einfach! Klare Antworten aus erster Hand. utb GmbH.

Paul, G., & Schock, R. (Hrsg.). (2013). Sound des Jahrhunderts. Geräusche, Töne, Stimmen 1889 bis heute. Bundeszentrale für politische Bildung.

Paul, G. (2013). IN EINEM STILLEN LAND. Soundscape DDR. In G. Paul & R. Schock (Hrsg.), Sound des Jahrhunderts. Geräusche, Töne, Stimmen 1889 bis heute (S. 476–481). Bundeszentrale für politische Bildung.

Rösing, H. (2004). 9/11: Wie politisch kann Musik sein? In D. Helms & T. Phleps (Hrsg.), 9/11—The world’s all out of tune. Populäre Musik nach dem 11. September 2001 (S. 155–168). transcript.

Siegfried, D. (2013). WILD THING Der Sound der Revolte um 1968. In G. Paul & R. Schock (Hrsg.), Sound des Jahrhunderts. Geräusche, Töne, Stimmen 1889 bis heute (S. 466–471). Bundeszentrale für politische Bildung.

Sterne, J. (Hrsg.). (2012). The Sound Studies Reader. Routledge.